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Kinderspiel Inspiration – von Kindern Kunst lernen

30.05.2010

Kinder sind per se Künstler: Architekten, Modeschöpfer, Maler, Musiker oder Sprachkünstler. Als Zweijährige sprechen sie Dada, fangen an, sich im Chaos der Wörter, die ständig um sie herumsirren, diejenigen zu klauben, die ihnen sinnvoll erscheinen.

Kinder fangen bald an, zu dichten oder probieren neue Wortkombinationen aus. Die Sprache des Kindes hat keinen kommunikativen Charakter, sie begleitet nur das Verhalten des Kindes. Das Kind spricht nicht für sich, es drückt sich nicht aus, sondern unterhält sich mit sich selbst, in der Weise, als ob es jemand anders wäre. Diese egozentrische Sprache (Jean Piaget, Lew S. Wygotski) geht mit dem weiteren Spracherwerb verloren, da sich das kindliche Denken (und damit auch seine Sprache) an die Erwachsenenwelt anpasst.

Für Kinder hat die Welt keine Grenzen.
Dieses Gefühl der Unendlichkeit macht sie zu Künstlern.

Kinder wiegen sich automatisch zur Musik und mögen Instrumente. Sie singen selbst erdachte Lieder oder stehen mit Besenstiel und befestigtem Klebestift als Mikrofon vor dem Radio und machen Rock’n’Roll. Sie malen, zeichnen, kleben, schneiden wilde Bildkreationen und versinken dabei in sich selbst. Kinder ziehen an, was sie wollen. Sie kümmern sich nicht um Konventionen oder Modeerscheinungen. Manche Jungen mögen Nagellack und Haarspangen, andere Mädchen lieben kurze Haare und Baggy Pants. Sie stülpen graue Jogginghosen über orangene Jeans und tragen Druck- und Mottoshirts ihrer Helden und krönen sie mit Glitzerschals. Kinder wollen Prinzessinenkleider tragen oder Darth-Vader-Kostüme. Für Kinder ist Mode Ausdrucksmittel des Moments. Das Kind weiss seiner Stimmung modisch intuitiv Ausdruck zu verleihen. Das Kind ist ebenso Architekt, es stapelt Bauklötze, baut (je nach Verfügung) Buden aus Decken und Kissen oder in Bäumen, Hecken und kleinen Tälern, es erprobt den Staudammbau und die Kläranlage mit selbstgebauten, komplexen Systemen aus Holz und Steinen. Für Kinder hat die Welt keine Grenzen. Dieses Gefühl der Unendlichkeit macht sie zu Künstlern.

Das Kind ist ein Künstler, der das, was ihn im Tiefsten berührt, versucht, intuitiv umsetzen.

Kinder versinken in ihr Spiel, sie schotten sich ab von der Erwachsenenwelt, von dem realen Drumherum in eine Fantasiewelt, in der sie die unwahrscheinlichsten Kombinationen durchprobieren und sich damit ihre eigene Welt erschaffen. Dieses Sich-Entziehen ermöglicht den Blick auf das Ausserweltliche, Unerklärliche, hält Einzug in eine metaphysische Welt. Das Spiel umfasst das Philosophieren, das sich fragen, was, wie und warum etwas ist. Das Kind fragt. Und wenn es keine Antwort bekommt, probiert es sich aus, intuitiv. Es macht Fehler und schliesst aus, es erforscht, es erfreut sich an dem Kleinen, dem Detail. Es lässt die Gesetze der Vernunft und Wahrscheinlichkeit völlig ausser Acht. Das Kind ist ein Künstler, der das, was ihn im Tiefsten berührt, versucht, intuitiv umsetzen.

Die Inspiration der Kinder erwächst aus ihnen selbst.

Die Inspiration der Kinder erwächst aus ihnen selbst. Das Reservoir sind die eigene Fantasie und das Erlebte. Frei von Konventionen, Stress und Verpflichtungen ist das Kind in der Lage, sich abzugrenzen, einen Erwachsenenfreien Raum zu generieren und lernt fliegen, in eine Welt, die seinem Ideal entspricht: in der Tiere sprechen, Fantasiegestalten, aber auch bekannte Gesichter Einzug erhalten, in der oft eine eigene Sprache ersonnen wird. Das Kind versucht in seiner Kunst, nicht sich selbst abzubilden, weil es noch kein fertiges Selbstbild hat. Das Kind drückt in seiner Kunst eine Stimmung aus: jedes Bild, jedes Lied, jede Sandburg und jedes Lachen sind ein Abbild des Geschehen im eigenen Inneren, des ursprünglichen Drangs, die Welt zu erforschen und zu verstehen und keine Therapiemaßnahme. Das Kunstwerk des Kindes ist frei von jeder Wertung oder Tradition, es ist etwas Eigenes, Beziehungsloses und damit Reines. Diese Kunstwerke sind ein Spiegel unseres ursprünglichen Künstlerseins.

Wenn sich ein Kind, wie dies heutzutage in der westlichen Welt oft geschieht, einem Tagesplan unterwerfen muss, wenn es Spielzeiten zugeteilt bekommt, wenn es Termine wahrnehmen muss und ihm kein Erwachsenenfreier Raum mehr angeboten wird, verliert es die Fähigkeit zum künstlerischen Spiel, es verliert seine innere Stimme und wird diese Begabung auch als Erwachsener nicht mehr erlangen.

Jeder Mensch ist ein Künstler

Jeder Mensch ist ein Künstler, wenn es ihm gelungen ist, sich seine innere Sprache zu erhalten, wenn er fähig ist, sich frei zu machen von Erwartung und Konvention, intuitiv zu handeln, sich zu verlieren, zu träumen, zu spielen, sich dem Druck zu entziehen, der jede Inspiration im Keim erstickt. Kunst ist Experiment, ist Kombination, auch wenn es nicht der Norm entspricht. Kunst ist auch Philosophie:

Kunst die Frage nach dem Was, Wie und Warum. Kunst das ist Verlassen von Grenzen, das sich Ent-Grenzen, die Fähigkeit, sich in eine eigene Welt versinken zu lassen. Kunst ist die Lust zu spielen.