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Frühes Leid – Triebkraft der Kunst?

20.07.2011

Eine unglückliche Kindheit kann den Fortgang eines ganzen Lebens negativ beeinflussen. Leid und Einsamkeit können aber auch zum Motor für die Kunst werden.

Die französische Künstlerin Louise Bourgeois hat die Trostlosigkeit der eigenen Kindheit mithilfe der Kunst be- und verarbeitet. Noch im hohen Alter ist sie dankbar über das „Privileg zu sublimieren“. Sie ist nicht die einzige Künstlerin, deren Leid, Einsamkeit und Traurigkeit der führen Jahre zu einem künstlerischen Motor wurde.

Seelennot in der Literatur

Der deutsche Schriftsteller Herrmann Hesse (1877-1962) ist Spross einer Missionarsfamilie. Nach einem Umzug wechselt er mit 14 Jahren in das evangelisch-theologische Seminar Maulbronn. Seinen Platz kann er hier nicht finden. Nach einer ganzen Reihe von Konflikten besucht Hesse Schule um Schule. An Depressionen leidend, verübt er einen Selbstmordversuch. Den anschließenden Aufenthalt in der Nervenheilanstalt Stetten verarbeitet er in dem berühmt gewordenen Brief an seinen Vater. Unterzeichnet ist dieser mit „H. Hesse, Gefangener im Zuchthaus zu Stetten“. Diese Erfahrungen werden zum Stoff einiger Entwicklungsromane wie „Demian“ oder „Peter Camenzind“. Auch der in Prag geborene deutschsprachige Schriftsteller Franz Kafka (1883-1924) hat einen „Brief an den Vater“ verfasst, in dem er dessen Tyrannei anprangert, unter der er bis zu seinem frühen Tod leidet. Vor allem in seinem vielleicht berühmtesten Buch „Die Verwandlung“ findet dieses Schicksal seinen Ausdruck.

Klaus Mann (1906-1949), Sohn des übermächtigen „Zauberers“ Thomas Mann, bezeichnet die Tatsache, Sohn des damals bekanntesten deutschen Schriftstellers zu sein, als „die bitterste Problematik meines Lebens“. Und auch sein jüngerer Bruder Golo (1909-1994), von der Mutter als „sensibel, nervös und schreckhaft“ charakterisiert, kann die patriarchalischen Ambitionen nicht verwirklichen. Golo hält in seinen „Erinnerungen und Gedanken“ fest, dass der Vater vornehmlich „Schweigen, Strenge, Nervosität oder Zorn“ ausstrahlt. Seit dem Jugendalter leidet Golo Mann an einer Depression, die ihn zu seinem Tod immer wieder begleitet. Doch beide, Klaus und Golo, haben ein bis heute beachtetes Werk hinterlassen.

Der deutsche Lyriker Rainer Maria Rilke (1875-1926), die personifizierte Empfindsamkeit, wird von seiner Mutter in die Rolle eines Mädchens gedrängt. Sie kann den Verlust ihrer ein Jahr zuvor geborenen und bald darauf gestorbenen Tochter nicht verkraften. Der zart besaitete Junge, der schon sehr früh ein Talent fürs Dichten und Zeichnen zeigt, kommt mit zehn Jahren auf eine Militärschule. Die strenge Institution widerspricht zutiefst seinem empfindsamen Charakter. Sechs Jahre später verlässt er sie aus Krankheitsgründen.

Georg Trakl (1887-1914), der österreichische Expressionist, wird gemeinsam mit seinen Geschwistern von einer Gouvernante aufgezogen. Seine Mutter ist drogenabhängig. Trakl ist ein schlechter Schüler und schon während der Schulzeit gerät er an Drogen, mit denen er eifrig experimentiert. Nach dem Tod des Vaters verfällt Trakl in Depressionen. Nervenzusammenbrüche bestimmen sein Leben. Der Verfasser des Gedichts „Der Herbst des Einsamen“ stirbt mit 27 Jahren an einer Überdosis Kokain.

Traurige Kinder und das Feld der Kunst

Die mexikanische Malerin Frida Kahlo (1907-1954) hat als junge Erwachsene einen schweren Unfall, der ihr der anhaltenden Schmerzen wegen bis ans Lebensende präsent bleibt. Und dennoch sagt sie zu ihrer Mutter vollen Mutes: „Ich bin nicht gestorben, und außerdem habe ich etwas, wofür es sich zu leben lohnt: die Malerei“.

Schon in frühen Jahren wird auch der norwegische Maler und Grafiker Edvard Munch (1963-1944) mit den Themen Krankheit und Tod konfrontiert. Seine Mutter stirbt als er fünf ist. Eine Schwester erliegt früh einer Schwindsucht, eine andere leidet an Depressionen. Munch selbst ist als Kind sehr kränklich und im späteren Leben manisch-depressiv. Sein bekanntestes Werk „Der Schrei“ (ursprünglich „Verzweiflung“) ist ein Spiegelbild dieser Erfahrungen.

Mark Rothko (1903-1970), lettischstämmiger Maler jüdischer Herkunft flieht nach Pogromen in seiner Heimat mit seiner Familie in die USA. Nach eigener Aussage symbolisieren seine weltberühmten Farbfelder die selbstgeschaufelten Gräber der von Kosaken entführten Juden. Rothko selbst hat das Grauen als Augenzeuge miterlebt. Elfjährig verliert er zudem seinen Vater. Auch Rothko leidet den größten Teil seines Lebens an einer manisch-depressiven Erkrankung und nimmt sich mit 66 Jahren das Leben.

Der französische Symbolist Odilon Redon (1840-1916) ist wie Bourgeois ein schönes Beispiel für die heilenden Kräfte der Kunst. Redon wird schon als Baby von seinen Eltern abgegeben und wächst bei einer Amme auf. Seine Ängste und die Erfahrung der Einsamkeit leben den größten Teil seines Künstlerdaseins in Kohlezeichnungen, den sogenannten Noirs, fort. Erst im letzten Drittel seines Lebens transformiert sich seine Kunst ins Lebhafte und ergießt sich von nun an in gewaltigen Farbexplosionen und Heiterkeit ausdrückenden Sujets.

Empfindsamkeit als Bedingung der Kunst

Natürlich führt eine von Einsamkeit, Tyrannei, Krankheit oder Verlust eines Elternteils geprägte Kindheit nicht automatisch zu einem künstlerischen Ausdruck. Und genauso gibt es eine ganze Reihe von Künstlern, die eine Kindheit voller Liebe und Interesse erlebt haben und in Geborgenheit aufgewachsen sind. Doch eine wesentliche Bedingung des Künstlerdaseins ist die Empfindsamkeit, eine Eigenschaft, die nur in der Kindheit gesät werden kann. Sie wird entweder von den Eltern adaptiert oder auf der Basis von extremen emotionalen Belastungen aus sich selbst heraus erfahren.

Die therapeutische Kraft der Kunst

Eine unglückliche Kindheit muss nicht zwangsläufig in einem traurigen Leben enden. Das Leid der frühen Jahre kann mithilfe der Musik, der Literatur, der Malerei oder jeder anderen Art von Kunst sublimiert und umgewandelt werden. Kunst hat die Kraft, Leid in Daseinsfreude zu transformieren. Und: Kunst kann nicht nur den Künstler selbst heilen, sondern auch den Betrachter berühren und trösten oder ihn mit Ängsten konfrontieren, um seine Heilung voranzutreiben.